Martina Ertl: „Mir blutet das Herz“ – Als Ex-Olympionike sieht sie die Tragödie von Riiber und Shiffrin

Martina Ertl: „Mir blutet das Herz“ – Als Ex-Olympionike sieht sie die Tragödie von Riiber und Shiffrin

Am 18. Februar 2022, um 08:29 Uhr, erschien in der Abendzeitung München eine Kolumne, die viele Leser tief berührte: „Wenn das Herz blutet“ – geschrieben von Martina Ertl, der ehemaligen alpinen Skirennläuferin, die als Doppel-Weltmeisterin und dreifache Olympiasiegerin die Höhen und Tiefen des Spitzensports aus eigener Erfahrung kennt. In dieser Kolumne, veröffentlicht während der Beijing 2022 Winter OlympicsBeijing, blickte Ertl nicht auf Medaillenspiegel oder Rekorde, sondern auf das, was hinter den Siegerpodesten bleibt: die seelische Zerbrechlichkeit von Athleten, die alles gegeben haben – und trotzdem scheiterten.

Ein Herz, das für Riiber blutet

„Mir blutet das Herz, insbesondere bei dem Norweger, der in den letzten drei Jahren Großes auf der Schanze und in der Loipe vollbracht hatte…“ – mit diesen Worten begann Ertl ihren emotionalen Ausbruch. Gemeint war Jarl Magnus Riiber, der norwegische Nordic-Combined-Spezialist, der von 2019 bis 2021 die Welt des Wintersports regierte. In diesen drei Jahren gewann er 29 Einzel-Weltcupsiege – 13 im Jahr 2019, 12 im Jahr 2020, noch 4 im Jahr 2021. Er war unbesiegbar. Der FIS-Weltcup-Titel war seine zweite Haut. Doch in Beijing? Keine Goldmedaille. Keine Silberne. Nur eine Bronzene – im Teamwettbewerb. Im Einzel, auf der Großschanze und im 10-km-Langlauf, blieb er weit hinter seinen eigenen Erwartungen. Die Welt sah einen Dominator, der plötzlich zitterte. Ertl, die selbst 2002 in Salt Lake City nach einem Sturz in der Riesenslalom-Abfahrt nur Bronze holte, wusste: Es geht nicht um die Zeit auf der Uhr. Es geht um die Angst, die sich in den Muskeln festsetzt.

Und dann Mikaela Shiffrin – die Unbesiegbare, die nicht finishen konnte

Gleichzeitig dachte Ertl an Mikaela Shiffrin. Die Amerikanerin, geboren in Vail, Colorado, mit 74 Weltcupsiegen und drei Olympischen Medaillen aus den Jahren 2014 und 2018, galt als die größte Alpin-Skifahrerin ihrer Generation. In Beijing sollte sie den Titel der „Königin der Piste“ weiter ausbauen. Stattdessen verpasste sie zwei Rennen komplett – im Slalom und im Riesenslalom – und kam im Kombinationslauf nur auf Platz 17. Keine Medaille. Nicht einmal ein Top-10-Ergebnis. Für jemanden, der 46 Slalom-Siege auf dem Konto hatte, war das eine Katastrophe. Nicht nur sportlich. Psychisch. Ertl beschrieb es so: „Man läuft mit einem Gewicht auf dem Rücken, das niemand sieht. Als ob jeder Zuschauer ein Mikrofon in deine Gedanken hält.“

Was die Olympischen Spiele wirklich kosten

Ertl, die von 1992 bis 2002 vier Olympische Spiele absolvierte, kennt diesen Druck aus eigener Haut. Sie erinnerte sich an Lillehammer 1994, als sie als Favoritin in der Riesenslalom-Abfahrt stürzte – und trotzdem zwei Tage später Silber im Kombinationslauf holte. „Du denkst: Ich habe trainiert, ich bin bereit. Aber dann kommt der Moment, und dein Körper hört nicht mehr auf deinen Verstand. Dein Herz schlägt zu schnell. Deine Atmung wird flach. Und plötzlich bist du nicht mehr du selbst.“

Diese Erfahrung teilt sie mit Riiber und Shiffrin. Beide Athleten standen unter einer medialen Lupe, die in den sozialen Medien noch schärfer geworden ist. Jeder Fehler wird zum Mem, jede Pause zum Thema. Die Internationaler Olympischer Komitee spricht von „mental health support“ – doch wer bietet wirklich Hilfe, wenn der nächste Wettkampf schon in 48 Stunden stattfindet?

Die Abendzeitung und die Stimme der Betroffenen

Die Abendzeitung und die Stimme der Betroffenen

Die Abendzeitung München, mit ihrer langen Tradition seit 1898 und einer Tagesauflage von rund 120.000 Exemplaren, gab Ertl eine Plattform – nicht als Expertin, die analysiert, sondern als Zeugin, die fühlt. Ihre Kolumne erschien am 18. Februar, sechs Tage vor dem Ende der Spiele, genau in der Phase, in der die letzten Medaillen vergeben wurden. Sie war kein Sportbericht. Sie war ein Brief an alle, die je etwas Großes versucht haben – und gescheitert sind.

Dabei ist Ertl nicht nur eine ehemalige Athletin. Sie ist eine der wenigen, die nach dem Karriereende nicht in die Medienbranche abgewandert ist, um als Kommentatorin zu dienen. Sie bleibt nah am Sport, arbeitet mit Jugendlichen, spricht über Burn-out und Selbstwertgefühl. Ihre Worte in dieser Kolumne kamen nicht aus der Ferne. Sie kamen aus der Tiefe.

Was bleibt – und was sich ändern muss

Riiber kehrte nach Beijing mit einer Bronzemedaille und einem gebrochenen Selbstbild zurück. Shiffrin nahm sich eine Pause – und kehrte erst 2023 zurück, nachdem sie den Tod ihres Vaters verarbeitet hatte. Beide haben seitdem wieder gewonnen. Aber die Wunden, die Beijing hinterließ, sind nicht verheilt.

Ertl hat mit ihrer Kolumne etwas getan, das kaum ein Sportjournalist wagt: Sie hat die Emotionen des Scheiterns ernst genommen. Nicht als Ausrede. Nicht als Schwäche. Sondern als Teil des menschlichen Preises, den Spitzensport kostet.

Vielleicht ist das die größte Leistung der Olympischen Spiele – nicht die Medaillen. Sondern die Geschichten, die hinter ihnen liegen. Und die Menschen, die sie erzählen.

Frequently Asked Questions

Warum hat Martina Ertl besonders auf Riiber und Shiffrin hingewiesen?

Ertl sah in Riiber und Shiffrin die Extreme des Leistungsdrucks: Riiber war der unbesiegbare Weltmeister, der plötzlich versagte; Shiffrin die erfolgreichste Alpin-Skifahrerin aller Zeiten, die in ihren Hauptdisziplinen nicht finishen konnte. Beide hatten jahrelang dominiert – und in Beijing wurden sie zu Symbolen für das Scheitern unter extremem Druck. Ertl, als ehemalige Olympionike, erkannte die psychologische Tragik: Es geht nicht um Talent, sondern um die Fähigkeit, mit Erwartungen umzugehen.

Wie viele Weltcupsiege hatte Jarl Magnus Riiber vor Beijing 2022?

Vor den Olympischen Spielen in Beijing 2022 hatte Jarl Magnus Riiber in den drei Jahren 2019, 2020 und 2021 insgesamt 29 Einzel-Weltcupsiege in der Nordic Combined errungen – 13 im Jahr 2019, 12 im Jahr 2020 und 4 im Jahr 2021. Er gewann zudem drei Mal in Folge den Gesamtweltcup. In Beijing blieb er ohne Einzelmedaille – nur im Team holte er Bronze.

Welche Ergebnisse erzielte Mikaela Shiffrin in Beijing 2022?

Mikaela Shiffrin trat in drei Disziplinen an: Im Riesenslalom (7. Februar) und Slalom (9. Februar) verpasste sie die Ziellinie komplett – ein unvorstellbares Ereignis für die Rekordhalterin mit 74 Weltcupsiegen. Im Kombinationslauf am 17. Februar kam sie nur auf Platz 17. Sie gewann keine Medaille – das erste Mal seit ihrer Olympia-Debüt 2014. Ihre Niederlage war nicht nur sportlich, sondern auch emotional ein Schock für die gesamte Ski-Welt.

Was macht Martina Ertl heute nach ihrer Karriere?

Nach ihrem Rücktritt 2002 arbeitet Martina Ertl als Autorin und Mentorin für junge Athleten. Sie ist regelmäßig für die Abendzeitung München tätig und setzt sich besonders für psychische Gesundheit im Sport ein. Sie hält Vorträge an Schulen und Sportverbänden, spricht über Burn-out, Selbstwert und den Druck, perfekt sein zu müssen – Themen, die sie selbst durchlebt hat.

Warum ist diese Kolumne so besonders im Vergleich zu anderen Olympiaberichten?

Während die meisten Medien auf Ergebnisse, Rekorde und Sieger fokussieren, ging Ertl auf das Unausgesprochene ein: die Angst, die Scham, das Gefühl des Versagens. Sie schrieb nicht als Journalistin, sondern als Betroffene. Ihre Worte waren kein Kommentar – sie waren ein Zeugnis. Und das macht sie selten und wertvoll. In einer Zeit, in der Sport als Unterhaltung verkauft wird, erinnerte sie daran, dass er auch menschlich ist.

Wie reagierte das Publikum auf Ertls Kolumne?

Die Kolumne löste eine Welle von Leserbriefen und Social-Media-Beiträgen aus. Viele Athleten, Eltern und Trainer schrieben, dass sie endlich „endlich verstanden“ wurden. Ein junger Skiläufer aus Garmisch-Partenkirchen schrieb: „Ich dachte, ich bin verrückt, weil ich vor einem Rennen weine. Jetzt weiß ich: Das ist normal.“ Die Kolumne wurde später von mehreren Sportverbänden als Lehrmaterial für mentales Training zitiert.